Gier – oder das Land der Freien

Eine ganze lange Nacht über versucht Lynette, den Plan, den sie seit drei Jahren verfolgt und mit dem sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem entwicklungsgestörten Bruder und ihrer Mutter ein Zuhause sichern möchte, zu retten. Drei Jahre lang hat sie gearbeitet bis zum Umfallen – welche persönlichen Grenzen sie in der Ausführung ihrer Jobs überschritten hat, das wird sich im Lauf der Nacht zeigen. Daneben hat sie sich, so gut es neben diesen Jobs ging, um ihren Bruder gekümmert. Wenn sie es nicht persönlich konnte, so sorgte sie doch dafür, dass immer jemand bei ihm war, sie ihn nicht alleine zu Hause einsperren musste. Denn Kenny kann nicht sprechen, kann sich nicht um sich selbst kümmern und hat vor Vielem, vor allem aber vor Männern, Angst. Als die junge Frau vor besagter Nacht nach Hause kommt, bahnt sich etwas an, was sie nicht erwartet hätte: Ihre Mutter durchkreuzt den gemeinsamen – so hatte Lynette zumindest die letzten Jahre gedacht – Plan, das Haus, in dem sie derzeit wohnen und das sie für einen guten Preis von ihrem Vermieter kaufen könnten, anzuzahlen, indem sie sich einfach ein neues Auto kauft. Nun reicht das Geld für die in drei Tagen zu begleichende Anzahlung auf keinen Fall – außer Lynette schafft es, sich das zurückzuholen, was ihr gehört. Und genau das versucht sie. Eine unglaubliche Nacht lang, mit Auswirkungen, die zeigen, wie es um die amerikanische Gesellschaft bestellt ist …

Willy Vlautin ist für mich eine Neuentdeckung und zwar eine, auf die ich nicht mehr verzichten möchte. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie ich auf seinen neuen Roman „Nacht wird es immer“ gestoßen bin. Wahrscheinlich hat mich interessiert, wem eine junge Frau in Portland / Oregon Geld geliehen haben könnte, wie sie versucht, dieses zurückzubekommen und vor allem, weshalb sie es nicht schon längst erhalten hat. Der Einstieg in den Roman vermittelt das Bild einer viel jüngeren Frau, als Lynette tatsächlich ist, die versucht, viele Dinge gleichzeitig auf die Reihe zu bekommen, sich um ihren Bruder zu kümmern, dabei noch ihrer Arbeit nachzugehen und ihre Mutter damit zu unterstützen. Nach und nach wird klar, Lynette und ihre Mutter haben eine Geschichte, die bei der Mutter ein gewisses Bild hinterlassen hat und gleichzeitig auch schon einen Blick auf ihre eigene Haltung freigibt:

Kenny … Du hast mal gesagt, dass du meinst, ich hätte ihn aufgegeben, hätte alles aufgegeben. Also, ich habe oft darüber nachgedacht und vielleicht stimmt das, vielleicht ist es wahr, aber wenn es so ist, dann hat alles angefangen, als du das erste mal weggelaufen und dann so fertig wieder nach Hause gekommen bist. Dieses erste Mal hat mich gebrochen, du wirst dir nie vorstellen können, wie sehr […]

Vlautin füttert uns Leser:innen so regelrecht an, steckt uns Bruchstücke der Geschichte zu, die uns nicht genügen können, um alles zu verstehen, also bleibt uns nichts anderes übrig, als den Krumen durch den Wald der Erinnerungen zu folgen. Lynette führt uns Stück für Stück weiter, indem sie uns ihre Geschichte in Rückblenden erzählt, während sie von einer schwierigen Situation in die nächste rennt, um das zurückzubekommen, was eigentlich ihr gehört. Anfänglich immer relativ easy und vertrauenswürdig, soweit man das in den Kreisen, in denen sich Lynette in diesen Momenten bewegen muss, überhaupt sagen kann, entpuppt sich jede, aber auch jede Situation irgendwann als schwierig. Als Leser:in folgt man ihr zwar einerseits willig, man will ja wissen, ob sie Erfolg haben wird und natürlich auch etwas über ihre Vergangenheit erfahren, andererseits möchte man ihr aber gleichzeitig zurufen „Ist das wirklich klug?“. Doch Lynette entpuppt sich als extrem starke und auch kluge junge Frau.

Die Gesellschaft, die Vlautin zeichnet, ist einerseits von Gier getrieben und andererseits eben den Gierigen an der Spitze ausgeliefert. Portland / Oregon steht für viele andere Städte – ich erinnere mich lebhaft an Long Bright River von Liz Moore, die dieselben Verdrängungsmomente und Hochsanierungsprojekte in Philadelphia beschreibt, wo sie auch lebt, wie es Vlautin für Portland nachzeichnet. Wie Moore lebt Vlautin in der Stadt, die er zum Lebensmittelpunkt seiner Protagonisten gemacht hat und kennt sich deshalb naturgemäß mit den Vorgängen bestens aus. Es geht um Immobilienverkäufe, Mehrfachjobs, nicht vorhandene Krankenversicherungen und darum, dass die Menschen, die das Leben in solch einer Stadt ja auch am Laufen halten, es sich über kurz oder lang nicht mehr leisten können, dort zu wohnen. Eine Situation, die wir in Berlin seit Jahren fast genauso erleben.

Lynettes Gier jedoch ist keine, die auf Geld gerichtet ist. Das ist nur das Mittel zum Zweck und notwendig, um sich das zu erschaffen, wovon sie schon so lange träumt: einen sicheren Ort. Nicht nur für sich, sondern auch für ihren Bruder und ihre Mutter. Dafür ist sie bereit, zu kämpfen, bis aufs Blut. Aber sie will sich nur holen, was ihr auch wirklich gehört  – und das ist der große Unterschied zwischen ihr und den anderen. Und auch ihr großes Problem, weil sie einfach nicht verstehen kann, dass die anderen, denen sie vertraut und geholfen hat, egal, wer sie sind oder was sie tun, ihre Versprechen, die sie ihr gaben, nicht gehalten haben. Auch wenn Lynette Dinge getan hat, die zum Teil kriminell zu nennen sind, ist sie ein grundehrlicher Charakter.

Überhaupt ist die Figurenzeichnung Vlautins großartig. Ich habe selten ein Buch gelesen, dessen Figuren mir gleichzeitig, nicht gerade unsympathisch, was ja auch okay wäre, aber trotzdem gemein vorkamen und die ich trotzdem in ihren Handlungen verstanden habe, als mir die Hintergründe klar waren. Unglaublich nachvollziehbar und doch in meiner Welt nicht richtig. Menschlich verständliches Handeln, das aber die Personen selbst nicht mehr weiterbringt. Dabei ist Lynette jedoch die Ausnahme, weil sie nicht aufgibt, nicht resigniert. Obwohl auch sie dunkle Tage hatte. Diese eine Nacht, in der sie versucht, einen Plan zu retten, den sie seit Jahren verfolgt, wirft sie einerseits aus der Bahn und setzt sie andererseits genau damit auf eine neue Schiene. Es fällt ihr nicht leicht, einzusehen, dass sie zu viel Kraft und Energie für ihre Umgebung gibt. Aber sie tut es. Mit einem neuen Plan und einem Ziel im Gepäck.

Vlautin schreibt schonungslos, direkt, trocken, ohne Schnörkel und gibt Hoffnung, ohne falschen Zuckerguß. Das ist einfach echt. Auch wenn er selbst als Musiker und Autor in einer privilegierten Situation lebt, blickt er tief in die Seelen derer, die durch die Gier der Mächtigen und Reichen abgehängt werden und täglich darum kämpfen, den Kopf über Wasser zu halten und erzählt das alles meisterhaft.

Das Land der Freien und der ganze Bockmist. Das sind alles Leute, die sich nehmen, was sie wollen, und das rechtfertigen, wie es ihnen gerade passt, damit sie am nächsten Morgen aufstehen und sich noch mehr nehmen und sich noch ein Motorboot und ihr drittes Ferienhaus und ihr fünftes Mietobjekt kaufen können, um dann die Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben, damit sie noch mehr Geld verdienen und auf Safari gehen und Giraffen und Elefanten killen können, während alle anderen versuchen, ihre Kreditkartenrechnung oder ihr Stipendium abzubezahlen, oder sich abrackern, um in einem Job genug Stunden zu ergattern, damit sie sich keinen zweiten suchen müssen. […] Das ist also mein Rat an dich, Lynette, am Ende solltest du dich nur um dich selbst kümmern und alle anderen bescheißen, so gut es geht.

„Nacht wird es immer“ von Willy Vlautin ist am 01. September 2021 als Hardcover bei Piper erschienen. Für mehr Informationen zum Buch pder Doppelklick auf das im Beitrag abgebildete Cover oder direkt auf der Verlagsseite.

3 Gedanken zu “Gier – oder das Land der Freien

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