Vorbildfrauen und wie sie erfolgreich wurden

Das Buch von Christine Dobretsberger handelt zwar von österreichischen Frauen, die als Role Model fungieren, ich finde dieses Werk aber dennoch auch für das deutsche Publikum sehr interessant und geeignet, da in Interviews erfolgreiche Frauen aus den unterschiedlichsten Branchen über ihren Werdegang, ihre Vorbilder, ihre Inspirationen, ihre Chancen und ihre Krisen berichten. Da sind nicht nur bekannte Persönlichkeiten wie die österreichische Ex-Kanzlerin und Verfassungsjuristin, Brigitte Bierlein, Heide Schmidt, Gründerin des Liberalen Forums und Präsidentschaftskandidatin und die doch recht berühmte Schauspielerin und Sängerin Erika Pluhar dabei, sondern auch Wiens gefürchteste Scheidungsanwältin, die sich auf die Vertretung von Frauen spezialisiert hat, oder auch die Zoo-Direktorin von Schönbrunn, die als Tierpflegerin begonnen hat oder die bekannteste österreichische Klimawissenschaftlerin Helga Kromp-Kolb oder die erste Theaterdirektorin im deutschsprachigen Raum an einem großen Haus, dem Wiener Volkstheater, Emmi Werner oder Österreichs erste Haubenköchin Lisl-Wagner-Bacher.

All diese Frauen und viele mehr, respektive 18 weibliche Vorbilder haben Spannendes zu berichten. Da ich ja schon öfter solche Bücher und meist Elogen über wichtige Männer gelesen habe, so möchte ich hier anmerken, wie erfrischend anders die Selbstdarstellung der weiblichen Idole ist. Bei derartigen Werken über Männer würde sich mindestens einer, wenn nicht mehr, ausschließlich gähnend langweilig und seitenweise Totholz produzierend, selbst beweihräuchern. In diesen Interviews hat aber keine einzige Frau ausschließlich ihre Leistung gelobt, sondern auch ehrlich glückliche Umstände angeführt, oder auch die monetäre und andere Unterstützung durch ihr Elternhaus beim Management von Kindern und Karriere angeführt. Da wurden auch Rückschläge, Krisen, Vorbilder beiderlei Geschlechts, männliche Förderer und Eigenleistungen ganz pragmatisch und sehr spannend geschildert. In Summe ergab das für jede einzelne Frau eine sehr interessante Lebensgeschichte, von der man oder auch vor allem frau viel lernen kann.

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Die Auswahl der beschriebenen Idole kann man natürlich immer diskutieren, aber sie ist ausgezeichnet, vor allem weil sie so bunt gemischt ist. Was sehr wohltuend und frappant auffällt, keine der Frauen kommt aus den privilegierten großen Industriellenfamilien, sondern alle haben sich tatsächlich zumindest aus einem normalen bürgerlichen Milieu hochgearbeitet. Froh bin ich auch, dass bei den Sportidolen mit Petra Kronberger eine Frau zum Zug kam, die eben abseits der Schipiste auch noch Anderes geleistet hat. Unsäglich wäre es gewesen, wenn Annemarie Moser-Pröll ausgewählt worden wäre, die einen berühmten Schifahrer und im Rahmen der #metoo Bewegung aufgedeckten Vergewaltiger auch noch gedeckt hat, nur weil er ihr nicht an die Wäsche wollte.

Trotzdem muss ich noch zwei Frauen unbedingt in diese Liste hineinreklamieren, denn sie fehlen zumindest mir ganz schmerzlich, dann wären es auch 20 Interviews und eine runde Zahl gewesen.

Chris Lohner, war Fernsehmoderatorin, Model und Schauspielerin und hat sich immer schon feministisch und anti-rassistisch positioniert. Sie war die erste Frau in der Öffentlichkeit, die schon in den 70er Jahren eine Beziehung mit dem jamaikanischen Tennisspieler Lance Lumsden führte, als eine Ehe mit einem PoC wirklich noch sehr schwierig war und sie sich sehr viele rassistische Anwürfe gefallen lassen hat müssen. Außerdem ist sie jene Stimme, die alle im öffentlichen Verkehr Reisenden täglich hören, weil sie die Ansagen bei der Bahn tätigt und sie hat auch als erste Prominente ihre Corona Ansteckung und Krankheit öffentlich thematisiert, wieder einmal mit einem riesigen Shitstorm verbunden. Sie ist also eine ganz mutige Frau und hat es verdient, ein Idol zu sein. Zwei Freundinnen und ich haben sie übrigens mal in einer Tiefgarage in Wien angeredet, was ganz schön unsensibel von uns war, in Anbetracht der Tatsache, welche Beschimpfungen diese Frau schon ertragen musste. Zuerst fühlte sie sich nicht wohl, dort im schummrigen Licht von drei Frauen angesprochen zu werden, aber als wir ihr sagten, sie sei das Idol unserer Generation, hat sie gelacht und sich ganz nett mit uns unterhalten. Erst Ende Mai habe ich ein auch Interview mit Chris Lohner im Fernsehen gesehen und sie hat noch immer sehr viel Interessantes aus ihrem Leben zu erzählen.

Die zweite klaffende Lücke bei den weiblichen Idolen ist die berühmte Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Die fehlt in so einem Buch total und wurde sogar von Theaterdirektorin Emmi Werner als ihr eignes Idol und Inspirationsquelle bezeichnet.

Aber das sind halt meine persönlichen Wünsche, vielleicht können diese beiden Interviews in einer weiteren Auflage aufgenommen werden.

Zwei kleine Kritikpunkte am Konzept habe ich auch noch, wäre ja ein Wunder, wenn ich nicht irgendeine Kleinigkeit zu bekritteln hätte. Am Ende fehlt als Klammer noch ein Beitrag der Herausgeberin, den habe ich sehr vermisst. Christine Dobretsberger hätte uns zum Beispiel genau an dieser Stelle darlegen können, warum sie die Idole genauso ausgewählt hat, und was sie für sie bedeuten. So sehr sich Männer als Herausgeber und Interviewer in solchen Werken immer in den Vordergrund spielen (habe ich auch schon oft kritisiert), so bringen sich Frauen meiner Meinung nach hier immer viel zu wenig ein. Also auch die Autorin sollte ein bisschen mehr vor den Vorhang treten.

Was mir zudem auch nicht wirklich gefallen hat, war in jedem Interview der Snapshot „Spontan gefragt“, mit einigen Kurzfragen wie „Ich werde schwach bei … , Ich tanke Kraft … , Ich werde ärgerlich bei … “. Da kam bei den meisten Frauen fast dasselbe raus und dieser Abschnitt trug somit so gut wie nichts zum Inhalt und zur Beleuchtung der Persönlichkeit bei.

Fazit: Ein ausgezeichnetes, informatives und spannendes Buch über Erfolgsgeschichten von Frauen und wie der Erfolg entstanden ist, mit ehrlicher Auseinandersetzung auch mit Krisen und Misserfolgen.
Aber in einem möchte ich schon wieder widersprechen. Ich finde nicht, dass das Buch ausschließlich von Frauen für Frauen konzipiert ist, wie es auf dem Buchrücken steht, sondern auch für Männer sehr interessant sein könnte. Leseempfehlung! Ihr werdet Euch nicht langweilen, glaube ich zumindest.

Idole sind weiblich von Christine Dobretsberger ist 2021 im Amalthea Verlag als Hardcover erschienen. Nähere Infos zum Buch über einen Klick auf das Cover im Beitrag oder auf der Verlagsseite.

2 Gedanken zu “Vorbildfrauen und wie sie erfolgreich wurden

  1. @Tala T. Herzlichen Dank für Deinen Kommentar, meine Antwort kommt leider ein bisschen spät, aber ich hatte diese Woche a bissi Stress. Du hast so Recht, es ist interessant und wichtig, dass solche Bücher herausgegeben werden. Was bei allen Interviews herauskam, war nämlich ein spannender Faktor bei der Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Diese erfolgreichen Frauen hatten entweder Ihre Mütter als Personalressource beim Kinderhüten, oder die Kinder wohnten halt direkt über dem Geschäft und als Chefinnen konnte sie durchaus den Arbeitsplatz verlassen, wenn die Kinder sie brauchten, oder auch es gab genug Geld ( das war bei einigen so), dass sie sich ein Kindermädchen leisten konnten. Fast sagten indirekt ehrlich, mit den Standard Kinderbetreuungsangeboten von staatlicher Seite her, hätten sie ihre Karriere damals nicht so durchführen können da brauchten Sie auf jeden Fall zusätzliche Unterstützung.

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  2. Das klingt sehr interessant und wichtig, dass solche Bücher herausgegeben werden. Deine Anmerkungen und Ergänzungen klingen total einleuchtend! Da wäre eine Begründung, warum die Auswahl so getroffen wurde, schon angemessen!
    LG, Tala

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